Sufismus heute

Über Sufismus heute zu sprechen, bedeutet die Vielfalt der existierenden sufistischen Richtungen, Glaubensbruderschaften und Orden zu erfassen. Das ist keine leichte Aufgabe. Konzentriert man sich auf inhaltliche Gemeinsamkeiten, die bei allen Gruppierungen gleichermaßen anerkannt werden, sind große Unterschiede nicht zu finden. Bestenfalls kann man Unterscheidungen in sunnitische und schiitische Gruppierungen treffen oder den traditionellen Sufismus vom modernen Neo-Sufismus unterscheiden.

Was definiert Sufismus heute?

Auf einer Internetseite steht sinngemäß zu lesen, über den Sufismus schreiben zu wollen, gleiche dem Versuch, einen Ozean in eine Tasse zu füllen. Wer ihn zu definieren sucht, setzt ihm inhaltliche oder weltanschauliche Grenzen. Dem eigentlichen Wesen des Sufismus entspricht das nicht. Zudem ist strittig, ob man bei derart vielen Entfaltungsformen eigentlich von einer einheitlichen Lehre sprechen kann. Aus dem, was einst als Sufitum entstanden ist, ist längst eine für Laien verwirrende Vielfalt an Anschauungen und Praktiken geworden. Viele Menschen denken an im Kreis wirbelnden Derwische und Trancetänze, wenn man das Wort “Sufi” sagt. In den mehr als 100 derzeit existierenden Sufi-Orden ist der Trancetanz aber nur eines von vielen Mitteln, das erstrebte Einsein mit Gott zu erreichen. Gemeinsam ist allen Gruppierungen das Ziel, das Verschmelzen mit Gott in diesem Leben erfahren zu wollen. Ob dies durch Askese und innere Reinigung oder durch Meditation und Trancetanz ereicht wird, ist letztlich nicht wichtig.

Das innere Suchen in der Moderne

Immer mehr Menschen haben die innere Verbindung zu Gott, dem Sinn des Lebens oder einem Gefühl der SErfüllung verloren. Man sucht Orientierungshilfe im Buddhismus, im Islam oder im Christentum. Der 14. Dalai Lama hat Zulauf aus allen religiösen Traditionen. Viele Menschen finden spirituelle Inhalte in der Esoterikszene, durch die auch das Sufitum bekannter geworden ist. Das Sufitum hat über die Jahrhunderte seiner Existenz verstanden, sich dem Wandel zu öffnen und neue Impulse aufzunehmen. So blieb es lebendig statt in Dogmatismus zu erstarren. Auch wenn konservative Sufi-Orden weiterhin existieren, gibt es genug moderne Sufigruppen, die auf den Westen eine hohe Anziehungskraft ausüben. Insbesondere die Neo-Sufisten sind zu nennen. Ihre Art, Spiritualität und Hingabe in den Alltag zu integrieren, Gott zu dienen und seinen Mitmenschen ebenfalls, kommt an. In den universell ausgerichteten, nicht zwingend auf eine Mitgliedschaft im Islam hin arbeitenden Sufi-Orden findet jeder Gelegenheit, seinen persönlichen Sufi-Weg zu entdecken. Je nach dem spirituellen Entwicklungsstand des Menschen, der sich den Sufis anschließt, wird dieser durch intensive Übung und vollkommene Hingabe an den Einen irgendwann sein Ziel ereichen. Glück liegt für viele nicht mehr in der materiell ausgerichteten Lebenswelt heutiger Tage. Viele Suchende empfinden das Erdenleben als krank machend, inhaltsleer und sinnfrei. Die hohe Zahl seelischer Erkrankungen spricht eine deutliche Sprache. Im Sufismus oder Buddhismus finden viele Menschen neuen Lebenssinn und zurück zu verloren gegangenen Werten.

Universeller Sufismus

Der Mystiker, Poet und Musiker Hazrat Inayat Khan verband die altbekannten Inhalte des Sufitums 1920 mit neuen Ideen. Ihm ist es zu verdanken, dass das Interesse dieser auf den Islam ausgerichteten Weltanschauung universeller wurde. Man musste dem Islam nicht mehr beitreten, um Sufi zu werden. Ganz unumstritten ist das nicht, zumal der Koran weiterhin den religiösen Bezugspunkt darstellt. Es geht im Sufitum aber nicht so sehr darum, sich an die Korantexte zu halten, als vielmehr darum, Gott durch Praxiserfahrung, Askese, Meditation, Rezitationen und seelisch-geistige Vervollkommnung näher zu rücken. Jeder Interessierte kann heute an Derwisch-Tänzen und Sufi-Meditationen teilnehmen.

Sufismus: Der Weg zum Gott

Der Sufismus ist keine Religion, sondern eine Lehre die Religion und Philosophie gleichermaßen verbindet. Es ist der Wunsch nach Harmonie und Liebe, die den Weg zur absoluten Wahrheit ebnen. Darüber hinaus ermöglicht uns der Sufismus, die eigene Religion besser verstehen zu können: Der Sufi sehnt sich nach dem Erleben Gottes. Daher wird Sufismus oftmals mit dem Wort Mystik, Erfahrungen einer göttlichen oder eben absoluten Wirklichkeit, in Verbindung gebracht. Vereinfacht ausgedrückt: Der Sufismus ist der Weg zum Gott!

Die Mystiker des Islams

Man sagt, dass die Sufis seit Menschengedenken existieren und ihren Weg stets treu geblieben sind. Die Sufi oder Derwisch (persisch), wie die Anhänger des Sufismus noch genannt werden, suchen anhand persönlicher Erfahrungen nach der Wahrheit, der Realität bzw. nach der wahren Essenz des eigenen Seins. Demnach wird die Lehre nicht mit Papier übertragen, sondern ist mit Geist und Herzen gleichermaßen verknüpft, schließlich zählt nur die Erfahrung Gottes. Und obwohl jedem Sufi die Religion und der Glaube frei überlassen sind, wird der Sufismus als der mystische Weg des Islam angesehen. Es ist die Liebe und Hingabe, es sind Körper und Geist, die dem Menschen zur vollkommenen Gesundheit verhelfen, ohne dabei an der eigenen Lebensdynamik zu verlieren.

Die Lehre und die Sufi-Heiligen

Obwohl es Sufis schon früher gegeben hat, ist die vollkommene Entwicklung der Lehre mit dem Auftreten des Propheten Muhammad in Verbindung zu bringen: Immerhin hat für Sufis Allah die Welt geschaffen. Doch neben dem Propheten Muhammad wird oftmals, ohne sich jemals begegnet zu haben, sein Zeitgenosse Uwais al-Qarani als der erste Sufi bezeichnet. Der islamische Mystiker verfolgte mit Begeisterung die Lehre und Worte des Propheten. Später werden weitere Namen und muslimische Korangelehrte im Bezug auf die Sufi-Lehre erwähnt. Einer der wichtigsten Vertreter und Meister ist al-Hasan al-Basri, der einerseits dem asketischen Lebensstil stets treu blieb und andererseits als anerkannter Sufi titulliert wurde. Er war es, der die erste Schule in Basra gegründet hatte und den Sufismus in seiner frühen Blütephase der kompletten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Kein Wunder, dass relativ schnell erste Lehrschriften entstanden sind, die sich natürlich mit den persönlichen Erfahrungen und Gott befasst haben. Zu den weiteren Sufi-Heiligen zählen Rabia von Basra (Lehre der mystischen Liebe zu Gott), Dhu’n-Nun (Theorie über “Fana” und “Baqa”), Abu Hamid Ghazzali oder gar Ibn al-Arabi (über 500 sufische Schriften) – um nur die wichtigsten zu nennen. Sie werden als die Wegbereiter der unzähligen Bruderschaften und Sufi-Orden angesehen.

Angepasst, aber der eigenen Tradition treu geblieben

Gerade in den Sufi-Orden wird die Lehrtradition vom Lehrer an die Schüler übertragen. Und obwohl sich die Orden in ihren Methoden unterscheiden, so haben sie eine wertvolle Gemeinsamkeit: Sie suchen nach der Einheit und dem Weg zum Gott. Demnach hat sich der Sufismus stark entwickelt, trotzdem ist man der Sufi-Tradition nicht ausgewichen. Auch heute ist man der Lehre und Tradition treu geblieben, immerhin gibt es auf der ganzen Welt, so auch im Westen, Sufi-Zentren und Schulen, die sich mit der Lehre weiterhin befassen und beschäftigen. Diese ist für diejenigen, die Interesse an der Sufi-Lehre bekunden, gleichermaßen zuhanden. Das Herz bleibt aber weiterhin der zentrale Sufi-Aspekt, denn: Die ganze Schöpfung ist nicht groß genug, um Gottes Schönheit aufzunehmen, aber das Herz der Gläubigen ist dafür groß genug”.

Sufi Meditation

Wenn man im Internet nach Artikeln über Meditation bei den Sufis sucht, ist man verwirrt. Es scheint keine eindeutige Berichterstattung darüber zu geben. In einigen deutschen Sufi-Meditationszentren werden verschiedene Meditationsformen ausgeübt, in anderen nur eine. Die Wikipedia berichtet nur von Dhikr, dem meditativen Gedenken an Gott. Das ist aber keineswegs die einzige Meditationsform der Sufis. Im Gegenteil: Je nach Schule gibt es selbst verschiedene Auslegungen darüber, was Dhikr ist.

Ist es tatsächlich Meditation?

Vielleicht ist das eigentliche Problem, dass der Begriff “Meditation” noch nicht sehr lange auf die unterschiedlichen Versenkungstechniken der Sufis angewendet wird. Im Sufismus sprach man früher eher von den verschiedenen Techniken, mit denen man Gott näher kommen und eins mit ihm werden konnte. Dazu gehörten unter anderem die Trancetänze, für die die Sufis im Westen berühmt geworden sind. Man findet sie heutzutage auch als “Whirling Meditation” im Netz oder auf YouTube dargestellt. Eine Form der Sufi-Meditation ist Muraquaba. Wahr ist dass, der moderne Sufismus sich einiger spiritueller Techniken aus anderen Religionen bedient hat und sie in den Sufismus integrierte. Man nutzt bei verschiedenen deutschen Sufizentren heute meditative Atemübungen, Licht- und Konzentrationsmeditationen oder Präsenz- bzw. Gewahrseinsübungen. Auch Gebete und Wazaif bzw. Wazifa – häufig wiederholte Ausrufe wie “Gott ist groß” – stellen Mittel dar, mit denen man eine Versenkung erzielen kann. Die Gedankengebäude hinter den einzelnen Methoden sind hochkomplex und erschließen sich einem nur, wenn man tiefer in die Philosophie des Sufismus einsteigt. Im Grunde greift der Begriff “Meditation” zu kurz, um meditative Techniken des Sufismus zu beschreiben. Es gibt nämlich Unterschiede.

Erwachen ins Leben

Bei allen meditativen Übungen der Sufis geht es um dasselbe Ziel: Alles Weltliche loszulassen und nur Gott im Herzen und im Geist anwesend sein zu lassen. Es geht nicht darum, sich auf einen bestimmten Gegenstand, beispielsweise den Atem, zu konzentrieren. Nicht der Geist steht bei den Sufis im Mittelpunkt und gilt als Sitz des Bewusstseins. Viel mehr noch ist es das Herz, das zählt. Meditationen für das Herz sind im Unterschied zu Meditationsformen anderer Religionen nicht auf eine bestimmte Meditationshaltung festgelegt. Man sitzt einfach still, so wie man es für gut hält. Die rituelle Anrufung Gottes, das Dhikr, gilt als eine der wesentlichen Übungen, um einen meditativen Zustand zu erreichen und Gott näher zu kommen. Hierbei spielen Atem, Visualisierungen und Bewegungen eine Rolle. Erzielt werden soll ein bewusster Zustand, durch den man die Anwesenheit und Größe Gottes mit in den Alltag nehmen kann. Es geht darum, mystisches Erleben für jeden erfahrbar zu machen, der sich darauf einlässt und intensiv praktiziert. Die direkte Erfahrung der göttlichen Präsenz gilt den Sufis mehr als alles angelesene Wissen über den Islam oder alles Glauben an einen Gott. Alles, was ein konventioneller Ausübender der islamischen Religion über die Anwesenheit Gottes erfährt, geht aus Sicht der Sufis nicht so tief wie die spirituelle Verbindung, die die meditativen Techniken der Sufis ermöglichen sollen. Die Meditationstechniken der Sufis entfernen einen von der Alltagsrealität, unserem Ego und den Gedankenmustern oder verinnerlichten Glaubenssätzen, die uns häufig steuern. In der Meditation verlassen die Sufis die gewohnten Dimensionen und erweitern sie nach innen hin und in die Weite des Raumes. Wer sich Wissen anliest, kann es glauben oder daran zweifeln. Wer die tiefe mystische Erfahrung gemacht hat, dass eine direkte Verbindung mit dem Göttlichen, dem Einen, möglich ist, zweifelt nicht mehr.

Die Ziele des Sufi-Ordens

Trotz aller Verschiedenheit der zahllosen Sufi-Orden und Bruderschaften, die teils als eher sunnitisch, teils als eher schiitisch, teils keiner dieser beiden Richtungen zuzuordnen und teils neo-sufistisch oder universell orientiert sind, bleibt ein großer gemeinsamer Nenner: Der islamische Koran bindet alles, weil alle Gruppen sich auf ihn beziehen. Der Hauptteil der Sufi-Orden darf den schiitischen Richtungen des Islam zugeordnet werden. Sunnitische Gruppierungen sind zahlenmäßig in der Minderheit, deswegen aber keineswegs unbedeutender. Im Westen bzw. unter westlichen Menschen, die sich für den Sufismus interessieren, sind die Neosufi-Orden bekannter.

Die vier Pfeiler des Sufismus

Interessant ist, dass Religionswissenschaftler neben den islamischen Einflüssen im Sufismus auch unverkennbare Bezüge zu Religionen aus dem indischen Raum gefunden haben. Die Nähe zu bestimmten Konzepten des historischen Buddhismus drängt sich beispielsweise auf. Als die vier wesentlichen Pfeiler oder Ziele des Sufismus sind die Auslöschung aller sinnlichen Wahrnehmung, das Aufgeben der Anhaftung an das Selbst und an individuelle Eigenschaften, das Erlöschen des Ego und das vollkommene Eintauchen in das göttliche Prinzip zu nennen. Gott ganz nah zu kommen, sich ihm in Liebe hinzugeben und ganz in ihm aufzugehen, einigt alle sufistischen Traditionen und Orden. Gemeinsam ist den sufistischen Richtungen auch, dass der inhaltliche Bezugspunkt aller Orden und Bruderschaften zwar der Koran ist, aber alle in ihm gedruckten Worte nicht halb so viel gelten wie die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen. Das spirituelle Erleben durch intensive Übungen, Rezitationen, Visualisierungen, Trancetänze und Versenkung ist aus sufistischer Sicht so überzeugend, dass es jeden Zweifel an der Auslegung oder dem Inhalt von Worten ausräumen kann. Gott ist im Sufismus der Einzige, der ultimative Geliebte, dem man sich vollkommen hingeben soll.

Das Eingehen in Gott

Als Inhalt und Mittelpunkt des Sufismus kann man die emotionelle oder seelisch-geistige Beziehung zwischen einem Sufi und seinem Gott, gesehen als Liebender und Geliebter, sehen. Die aufrichtige Liebe und vollkommene Hingabe sind es, die aus Sicht der Sufis den Menschen zu Gott führen. Es geht aber nicht um das Erzielen eines nirwana-ähnlichen Zustandes nach dem Verlöschen aller irdischen Wünsche und Anhaftungen oder nach dem Tod des irdischen Körpers, sondern um die Erkenntnis der Wahrheit in diesem Leben. Etwas in einem soll sterben, bevor man tatsächlich stirbt. Parallelen zu den Lehren des Buddhismus sind durchaus erkennbar, werden aber etwas anders ausgelegt und umgesetzt. Die angestrebte “unio mystica”, das vollkommene Einssein mit Gott, ist auch im Christentum nicht gänzlich unbekannt. Es wird als mystische “Hochzeit” oder Vereinigung bezeichnet und kommt auch in der jüdischen Literatur vor. Auch in der Kabbala findet man ganz ähnliche Bilder.

Gemeinsamkeit mit großen Weltreligionen?

Die gewünschte Transformation des Menschen in Richtung auf das Göttliche eint den Sufismus mit zahlreichen anderen spirituellen Richtungen. Tatsache ist aber, dass auch in dieser Tradition nur besonders reine Menschen nach jahrelanger, hingebungsvoller Übung die letzte Vervollkommnungsstufe erreichen können. Wie Abu Nasr as-Sarradsch einmal formulierte, bedeutet Sufismus, nichts zu besitzen und auch von nichts besessen zu sein. Der Sufismus wendet sich gegen automatisch ausgeführte Rituale oder Buchwissen, das man nicht erfahren hat. Man spricht nicht über seinen Glauben, sondern lässt ihn in seinen Handlungen sichtbar werden. Innere Reinheit ist erstrebenswert, muss aber mit einem entsprechenden Äußeren einhergehen. Viele Neo-Sufisten sehen den Sufismus als Teil einer universellen, nicht als unbedingten Teil einer rein islamischen Glaubensrichtung an. Aus Sicht dieser Orden sind die großen Religionen alle denselben Zielen verpflichtet.

Was ist Sufismus?

Aus heutiger Sicht ist es klug, den traditionellen Sufismus vom so genannten Neo-Sufismus zu unterscheiden. Der traditionelle Sufismus versteht sich als die mystische Erfahrung des Islam. Er bezieht sich ausschließlich auf Inhalte des Korans. Adepten, die sich dem klassischen Sufismus anschließen, werden also früher oder später dem Islam beitreten. Das ist bei den Neo-Sufisten nicht unbedingt der Fall. Hier wird kolportiert, man könne auch ein Sufi werden, ohne dem Islam beizutreten. Ob das tatsächlich so ist, ist aber fraglich.

Der klassische Sufismus

Was den Sufi bewegt, ist nicht das oberflächliche Rezitieren von Koransuren. Er möchte die Präsenz Gottes viel direkter erfahren, um alle Zweifel an dem, was Worte vermitteln können, auszuräumen. Ein Sufi möchte sein übermächtiges Ego, alle eingefahrenen Gewohnheiten und alle Fremdsteuerung abstreifen, um allein Gottes Anwesenheit in seinem Herzen zu spüren. Die Hingabe an Gott soll einen Sufi ganz erfüllen. Es genügt den Sufis nicht, die wichtigsten religiösen Pflichten zu erfüllen und die islamischen Gesetze einzuhalten. Sie möchten Gott unmittelbar und direkt erleben und sich eins mit ihm fühlen. Diesem Ziel sehen sich sämtliche sufistischen Bruderschaften und Orden verpflichtet. Das Problem ist nur, dass jede(r) von ihnen seine eigenen Methoden propagiert, wie man dieses Erleben Gottes am Besten erreichen kann. Das macht es für Outsider schwer, zu verstehen, was man unter “sufistischer Meditation” zu verstehen hat. Inhalt des Sufismus ist spirituelle Reinheit und das Gewahrsein Gottes in jedem Moment. Begründet wurde diese islamische Tradition als spirituelle Gegenbewegung gegen den Islam, der im 8. Jahrhundert durch Dekadenz und Reichtum geprägt wurde. Entsagung und eine Abkehr von materiellen Zielen prägten die ersten sufistischen Schulen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich diese asketische Strenge wieder etwas gelöst. Man wurde emotioneller. Dem erwünschten Erlöschen des Ichs standen als Ideal die religiöse Ekstase und die spürbare Präsenz des Einen, Allmächtigen gegenüber. Besondere Meriten kommen in der Frühzeit des Sufismus Sufi-Meistern wie Al-Junayd zu. Er systematisierte die bis dahin entstandene Sufi-Literatur und arbeitete eine klare Philosophie aus, die die “Auslöschung in Gott” definierte. Bald konnte man feststellen, dass es einen eher gemäßigten Sufismus und einen eher radikalen gab, der sich in religiösen Provokationen gefiel. Einige dieser “trunkenen” Sufis wurden sogar wegen Gotteslästerung hingerichtet. Die Vielzahl heutiger Orden und sufistischer Bruderschaften erleichtert das Verstehen des Sufismus nicht gerade.

Der so genannte Neo-Sufismus

Umstritten ist der um 1920 entstandene Neo-Sufismus, dem zu Folge Sufitum und Islam nicht notwendigerweise etwas miteinander zu tun haben. Die Vertreter der neo-sufistischen Gruppierungen verkünden, man müsse nicht zum Islam übertreten, um Sufi zu werden. Man betrachtet den Sufismus als uralte Weisheitslehre, die schon vor dem Entstehen des Islams vorhanden war. Man beruft sich dabei auf die griechische Mythologie. Der moderne Neo-Sufismus hat außerdem Elemente anderer Religionen – beispielsweise einige Meditationsformen des Buddhismus – aufgenommen und seinen Zielen der Einswerdung mit Gott untergeordnet. Fakt ist aber, dass auch die Neo-Sufisten den Koran zur Grundlage ihrer Religionsausübung machen. Mit Hilfe von Yogaübungen, Trancetänzen, aus der Kabbala oder der christlichen Mystik entlehnten Techniken möchte man eine Bruderschaft unter allen Menschen erzielen und den interessierten Menschen spirituelle Vervollkommnung ermöglichen. Der Neo-Sufismus geht auf den bekannten Dichter und Musiker Hazrat Inayat Khan zurück, den Begründer des internationalen Sufi-Ordens. Seine Familie ist bis heute mit der geistigen Leitung des Ordens betraut. Die gesamte Administration der neo-sufistischen Bewegung wird durch einen Rat geleistet.